Woeste - wo das Moor verbrogen liegt

Die Bürger der Bad Sassendorfer Ortsteile Ostinghausen und Bettinghausen können sich noch gut an die riesigen Grünflächen entlang der Ahse und des Woestegrabens erinnern, die das Landschaftsbild zwischen den beiden Dörfern prägten. Dort hielten sie ihre Viehherden zur Milch- und Fleischversorgung. Doch 1969 änderte sich das Bild gravierend. Mit der Entdeckung des schwarzen Torfs im „Woester Niedermoor“ und der nachgewiesenen medizinischen Wirksamkeit kam den Wiesenflächen eine neue Bedeutung zu. Seitdem werden jährlich etwa 3.000 Kubikmeter Torf abgebaut, die u. a. im Diagnose- und Therapiezentrum/Kurmittelhaus zu Moorpackungen und –bädern weiterverarbeitet werden.

Die Woeste ist ein Niedermoor. Zu diesen sehr nährstoffreichen Standorten, auch Reichmoore genannt, zählen die meisten der heute noch wachsenden Moore in Mitteleuropa. Die nährstoffreichen Bedingungen resultieren in vielen Fällen aus zeitweiliger Überstauung mit Fremdwasser und phasenweiser Austrocknung. Das Wachstum wird hauptsächlich durch das hohe Stickstoffangebot bestimmt. Die ph-Verhältnisse liegen zwischen 3,2 und 7,5. Nährstoffreiche Moore sind hauptsächlich Versumpfungs-, Quell- und Überflutungsmoore von Flussniederungen (Auenüberflutungsmoore) und Küstengebieten. Niedermoore entwikkeln sich bei geeigneten Bedingungen über Zwischenmoorstadien weiter zu Hochmooren. Die Vegetation in Niedermooren besteht aus meistens dichten und hochwüchsigen Vegetationsbeständen, die lichtliebende Moose weitgehend verdrängen. Die wichtigsten Vegetationseinheiten sind Erlenbruchwälder, Röhrichte und Großseggenriede.

Die Geologen schätzen das Alter des Woester Niedermoors auf etwa 10.000 Jahre. Die Torfschicht dort beträgt zwischen 50 cm bis 3 m. Das Landschaftsbild der Woeste zeichnet sich durch ihre Vielfalt aus. Offene Wasserflächen, naturnahe Bachbereiche, Torfstiche, Großseggenriede, große Röhrichtbestände, Nass- und Feuchtwiesen, Fettweiden, Ackerflächen und Feldgehölze wechseln sich dort ab.

Leider brachten der Abbau des Torfs ebenso wie die Rückverfüllung der Moortaschen auch negative Folgen für die Woeste mit sich. 1971 entstanden erste offene Wasserflächen. Durch die Bildung von Röhrichten war eine landwirtschaftliche Nutzung der Flächen nicht mehr möglich. Dafür entwickelte sich im Laufe der Jahre ein bedeutender Lebensraum für eine Vielzahl an Pflanzen- und Tierarten, u. a. für eine der größten Laubfroschpopulationen einer geschützten Art in Nordrhein-Westfalen sowie für geschützte Vogelarten wie Knäk- und Löffelenten oder Rohrweihen. Mit der Ausweisung der Woeste als Naturschutzgebiet am 18. Oktober 1999 durch die Bezirksregierung Arnsberg und ihrer Anerkennung als Bestandteil des EU-Gebietsnetzes NATURA 2000 wurde der wachsenden naturschutzfachlichen Bedeutung des Woester Niedermoors Rechnung getragen. Der Saline Bad Sassendorf GmbH wurde mit der Ausweisung des Woester Niedermoors zwar zugestanden, dass deren Abbautätigkeit letztlich für diese wertvolle Entwicklung des Gebietes gesorgt hatte. Auf der anderen Seite galt es, zukünftig den Umfang des Abbaus im Hinblick auf die Ziele der Schutzgebietsverordnung zu steuern.
Um die Vererdung des wertvollen Torfs zu verhindern, waren Überstauungen notwendig, die in Folge die Nutzung der Flächen als Mähweiden unbrauchbar machten. Mit der Verdrängung der Landwirtschaft und dem zunehmenden Abbau des Moors drohte dem Woester Niedermoor schließlich die Verbuschung. Da Wildkräuter, Binsen und Sauergräser sich nicht als Futter für herkömmliches Weidevieh eignen und sie als Heu lediglich als Einstreu verwendbar sind, musste schnell eine andere Lösung gefunden werden. Die Überlegung, die Woeste mit Moorschnucken zu beweiden, wurde abgelehnt, da diese Tiere intensiv betreut werden müssten. Für die in Betracht gezogenen Galloways bzw. schottische Hochlandrinder sind die Böden in der Woeste zu nass und durchgeweicht. Sie wurden auf den trockeneren Flächen angesiedelt. Für die Beweidung der feuchteren Flächen entschied man sich schließlich für Wasserbüffel. Diese Tiere der Europäischen Mittelmeerrasse des Wasserbüffels tragen den wissenschaftlichen Namen Bubalis bubalis, sind hervorgegangen aus dem Asiatischen Wasserbüffel und werden vor allem in Süd(ost)europa, z. B. in Bulgarien, Rumänien oder Italien, zur Milchgewinnung verwendet. Die Domestikation des Wasserbüffels als Hausbüffel erfolgte vor ca. 6.000 Jahren in Asien.

Wasserbüffel werden bis zu 25 Jahre alt. Ihr robustes Wesen macht sie beinahe unanfällig für rindertypische Krankheiten. Auch in der Futterverwertung sind die Wasserbüffel dem heimischen Hausrind überlegen. Ihr Magen kann auch energiearmes Futter gut verwerten, so dass sie kein zusätzliches Futter benötigen. Sie eignen sich ideal für Weiden und Wiesen, die für andere Haustierrassen nicht genug Futter bieten, z.B. für extensiv bewirtschaftete Wiesen, Feuchtgebiete oder verwildertes Gelände. Eigenschaften, die gut auf die Woeste zutreffen. Im Mai 2006 wurden dort vier Wasserbüffel, ein Bulle und drei Kühe, angesiedelt. Sie haben sich bereits gut eingelebt und sogar Nachwuchs bekommen. Der naturschutzfachliche Erfolg bleibt jedoch im Rahmen der Dauerbeobachtung noch abzuwarten. In den letzten Jahren hat sich das Naturschutzgebiet Woeste zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt. 80 Vogelarten konnten bislang nachgewiesen werden, darunter 28 Arten, die in den Roten Listen Deutschlands bzw. Nordrhein-Westfalens verzeichnet sind. Jährlich kommen neue Entdeckungen hinzu. So bevölkern u. a. Rohr-, Wiesen- oder Kornweihen, Baumfalken, Sperber, Bekassinen, Neuntöter, Grauammern, Saatkrähen, Schafstelzen, Kiebitze, Kraniche, Brachvögel, Löffel- und Gründelenten das Gebiet – als Brutvögel, Nahrungsgäste oder Durchzügler. Neben den Graugänsen sind Bisamratten mit jährlich wechselnden Populationsstärken ebenfalls vertreten.
In zahlreichen Aktionen, z.B. einer Entbuschungsaktion, und durch das Entfernen von Zäunen und Aufstellen von Bänken wurde in der Woeste ein spannender Naturlehr- und Erlebnisraum geschaffen. Um dem schöpferischen Element der Natur auch weiter Rechnung zu tragen, errichtete die Saline Bad Sassendorf GmbH ein Wegekreuz. Ende Juni wurde es ökumenisch gesegnet.
Von der neuen Aussichtsplattform aus haben Sie einen faszinierenden Blick über den Naturschutzraum. Nehmen Sie sich Zeit und – wenn möglich – ein Fernglas mit. Sie werden erstaunt sein von der Vielfalt an Pflanzen und Tieren, die Sie in der Woeste entdecken und beobachten können. Informationstafeln geben Ihnen Auskunft über einige der Tier- und Pflanzenarten, die es dort zu sehen gibt.
Über den neuen Radweg nach Bettinghausen oder durch die Wiesen und Felder abseits der Straße gelangen Sie schnell und bequem dorthin. Gern erläutern wir Ihnen in der Gäste-Information den Weg.