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Seelenortwanderung zu den Adorfer Klippen und zur Schieferkuhle

Bad Sassendorf / Outdooractive Touren / Seelenortwanderung zu den Adorfer Klippen und zur Schieferkuhle




Seelenort Schieferkuhle




Besucherbergwerk Grube Christiane




Seelenort Adorfer Klippen

Kategorie

Wanderung

Länge

12.3km

Zeit

3:23 Std.

Aufstieg

203m

Abstieg

212m

Altitude (Minimum)

329m

Altitude (Maximum)

413m

Kondition

Schwierigkeit

Erlebnis

Landschaft

Empfohlene Jahreszeiten

J F M A J J A S O N D
Startpunkt der Tour:

Parkplatz Dorfmitte Adorf

Zielpunkt der Tour:

Parkplatz Dorfmitte Adorf

Eigenschaften:

  • Rundtour

Schöne Wanderung über einen Teilabschnitt des Diemelsteigs zu den beiden Sauerland-Seelenorten Adorfer Klippen und Schieferkuhle.

Wegbeschreibung:

  • Der Beschilderung Diemelsteig folgen
  • 1. Seelenort: Adorfer Klippen (Am Martenberg)
  • Über Besucherbergwerk Grube Christiane 
  • Zum 2. Seelenort: Schieferkuhle Adorf
  • Über Wanderweg X1 zurück zur Dorfmitte  

 

Adorfer Klippen

Thema: Das innere Kind

Barfuß habe ich mich angeschlichen. Kein Laut. Bloß nicht auf ein Ästchen treten, das knacken und mich verraten könnte. Es dämmert bereits. Hinter einem kleinen Hügel lege ich mich auf die Lauer. Gras und Moos, eine weiche Pirsch. Ich habe die beiden Eingänge der Dachsburg fest im Blick. Wird sich der heimliche Gräber mit dem schwarz-weißen Fell heute Abend zeigen? In der Nähe ist ein Maisfeld, da locken knackige Kolben, die er gerne abnagt. Mal schauen. Je länger ich liege und lauere, desto mehr verschwimmt die Szenerie der „Roten Klippen“, ein Naturdenkmal bei Adorf. Kindheitsbilder schieben sich darüber. Die gewaltigen Felsblöcke aus Eisenstein, 350 Millionen Jahre alt, werden zu den Wänden eines Canyons. Die Grablöcher, übrig geblieben von mittelalterlichem Bergbau, verwandeln sich in Verstecke der Indianer vor der anrückenden Kavallerie. Der dichte Ring wilder Rosen, der die roten Steine grün einrahmt, gewährt meinem Stamm Schutz vor Eindringlingen.

Ich bin  Brauner Bär  und soll  der  Nachfolger meines Vaters Großer Adler werden. Eines Tages ein weiser Häuptling, hoffentlich. Vater gibt all sein Wissen an mich weiter. Über die Erde, die uns ernährt, über die Pflanzen, die in unserer Heimat bei den Roten Klippen wachsen, über unsere Nachbarn, die Tiere. Der Dachs, hat er mir erklärt, als wir an der Dachsburg lauern, ist kein reiner Pflanzenfresser. Am liebsten verspeist er Regenwürmer. Für eine kleine Weile verlassen wir den Pirschposten und spazieren durch den von Felsen und Dornbüschen umstandenen Talkessel. An diesem Ort fühlt sich unser Stamm seit Generationen beschützt und geborgen. Vor den Tipis brennen kleine Lagerfeuer. Viel Flamme, wenig Rauch, um nicht von weitem gesehen zu werden. So haben wir es gelernt.

Vor uns liegt ein faustgroßer roter Stein. Puh, ist der schwer! Das liegt daran, sagt Vater, dass er zu mehr als der Hälfte aus Eisen besteht. Am Abhang, wo Sonne, Regen und Frost seit Jahrtausenden die Felsen bearbeiten wie ein Schnitzmesser, suchen wir Fossilien im Geröll. Genau hinschauen! Tatsächlich finde ich tierische Spuren, uralt, versteinert. Kopffüßler und Korallen, Dreilapp-Krebse und Seelilien.

Vor Urzeiten, erklärt Vater, war hier ein Meer. Kann ich mir gar nicht vorstellen. Doch, so war es. Im Meer gab es gewaltige feuerspeiende Ungeheuer, die Steine zum Schmelzen brachten und sie flüssig gen Himmel spuckten. Das waren die Vulkane. Sie sind der Grund, warum unser Land reich mit Eisen gesegnet ist. Es liegt in Schichten bis an der Erdoberfläche. Das ist fast nirgendwo sonst so. Unsere Urahnen mussten nicht mal Schächte graben, um ranzukommen. Sie mussten nur mal kräftig in den Boden stechen, und schon stießen sie auf die roten Eisensteine.

Ein paar Meter weiter entdecken wir einen Schmetterling, der wundersam blass-blau gefärbt ist. Das ist ein ziemlich trickreicher Typ, lockt mich mein Vater. Da bin ich gespannt: Warum? – Er legt seine Eier direkt vor Ameisenhaufen ab. Und die Ameisen tragen sie in ihr Nest. Da wachsen dann die Eier zu Larven; die können den Geruch der Ameisen perfekt nachahmen, sodass sie von ihnen gefüttert und gepflegt werden. – So wie der Kuckuck sein Ei in Nester von anderen Vögeln legt? – Genau! – Während wir weitergehen, zeigt Großer Adler auf Pflanzen und erzählt mir die Geschichten dazu. Diese lilafarbene heißt Moschusmalve, die sieht nicht nur gut aus, die kann man auch essen. Da, Wilder Thymian, auch ein schmackhaftes Kraut. Das mit den gelben Blütenblättern dort heißt Jakobskreuzkraut, wenn die Rinder viel davon essen, sterben sie an kaputter Leber, so wie Menschen, die zu viel Feuerwasser trinken. Eine andere heißt Rundblättrige Glockenblume dabei hat sie gar keine runden Blätter – auf den ersten Blick. Als ich genauer schaue, sind sie oben schmal und laufen spitz zu, aber unten am Boden sind sie rund.

Das Schauen jedoch wird immer schwieriger. Es ist fast schon dunkel. Die Feuer vor den Tipis sind erloschen. Die Szenerie des Indianerlands verblasst. Ich reibe mir die Augen. Immer noch liege ich im weichen Gras gegenüber der Dachsburg. Nichts rührt sich an den beiden fußballgroßen Löchern. Irgendwo in den Gängen dahinter, einige Meter tief im Boden vergraben, hält sich der Burgherr versteckt. Als ich kaum mehr etwas erkennen kann, räume ich den Beobachtungsplatz. Ich bin kein bisschen enttäuscht. Ich habe keinen Dachs gesehen, aber entdeckt, dass es immer noch einen kleinen Jungen in mir gibt, mit lebhafter Fantasie, stets bereit zu pirschen und zu spielen und zu entdecken. Die Roten Klippen sind ein guter Ort, um den Inneren Kindern Auslauf zu gewähren.

Erzählpate: Christian Kümmel

Schieferkuhle, Adorf

Thema: Eigensinn

Zwei Männer standen an einer Felswand, zu ihren Füßen das Skelett einer Kuh, und sprachen über ihr Leben als Taugenichts. Sind ungefähr gleich alt. Die beiden hatten sich erst vor einer Stunde kennen gelernt. Nun wunderten sie sich, wie sie auf dieses Thema gekommen waren. Sie wollten eigentlich nur die Schieferkuhle bei Adorf besichtigen. Doch offensichtlich war der Ort nicht nur geologisch interessant. Er brachte sie auf ungewöhnliche Gedanken. Die Männer stellten fest: Ihre beiden Väter hatten nichts von ihren Söhnen gehalten. Taugenichts wurden sie genannt. Der eine der beiden erlernte verschiedene Handwerker und machte später in der Wirtschaft Karriere. Er sagte: „Mir ist erst im fortgeschrittenen Alter bewusst geworden, dass es immer darum ging, es meinem Vater zu zeigen.“ Der andere wurde Journalist, auch er entdeckte spät, dass ihm der Vater immer im Nacken saß, wenn er schrieb; er heimste Ehrungen für seine Reportagen ein – bis zur totalen Erschöpfung.

Ich erzähle diese Episode, weil sie zeigt, dass Seelenorte zu ungewöhnlichen Gedanken und Gesprächen inspirieren können. War es in diesem Fall der ungewöhnliche Wuchs der Bäume ringsumher, der uns auf solch existenzielle Themen stieß? Das Geäst der umstehenden Fichten hat sich nach den letzten trockenheißen Sommern hellbraun verfärbt. Weil sie nur flache Wurzeln ausbilden, kommen sie in Trockenperioden nicht an tiefer liegende, feuchte Bodenschichten heran. Sie verdursten. Eine Spezies auf dem absterbenden Ast. Diese Baumart war eigentlich nie heimisch im Sauerland. Sie ist in der Hoffnung auf schnelles Geld gepflanzt worden. Jetzt zeigt sich, dass man zu kurz gedacht hatte.

Selbst die Kiefern, an Dürre und Durst gewöhnt, leiden sichtbar. Sie krallen sich in den Südhang am Rande der Schieferkuhle. Krüppelig, geduckt, verdreht. Jedes Härtejahr hat ihnen einen Schlag versetzt, und sie ducken und krümmen sich wie ein Kind, das geschlagen wird Aber sie behaupten sich an diesem Extremstandort, der staubtrocken und starkwindig ihre Hartnäckigkeit auf die Probe stellt. Echte Überlebenskünstler. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass sie jemandem etwas beweisen wollen. Schau her, nix mit Nichtsnutz, ich halte durch!

Ich betrete den Graben, die eigentliche Schieferkuhle. Vor einigen Jahren muss eine Kuh abgestürzt sein. Weiße Knochen liegen verteilt am Fuße der Felswand, der Schädel ist bereits mit einer feinen, grünen Moosschicht überzogen. Wie kurz doch Kühe, Menschen und Fichten leben, verglichen mit geologischen Zeitspannen! Vom langen Atem der Erdgeschichte zeugt etwa das grau-braune, sehr zähe Gestein, auf das wir gerade blicken. Flinzschiefer, der seinen Ursprung in dem Ozean hat, den es hier vor Äonen gab. Korallen bauten mit ihren Kalk-Skeletten im Laufe vieler Jahrhunderte unterirdische Gebirge auf: Riffe, die größten von Lebewesen geschaffenen Gebilde auf der Erde. Vor 380 Millionen Jahren erwärmte sich das Wasser, die Korallen starben massenweise, das Riff zerfiel. Seine Kalkschichten wurden unter großem Druck zusammengepresst und im Feuer vulkanischer Eruptionen verbacken.

Im Mittelalter wurde dieser Schiefer abgebaut. Doch die Platten waren dick und schwer, nur in Notzeiten wurden damit Hausdächer gedeckt. Um das Jahr 1600 gab man die Grube wieder auf.

Bevor ich gehe, möchte ich noch einen Seelenverwandten besuchen. Er lebt schon seit 200 Jahren an der Schieferkuhle. Kein Weichei, diese Hainbuche. Und eine Buche ist sie auch nicht, sondern ein Angehöriger der Familie der Birkengewächse. Ihre Rinde hat eine netzartige Oberfläche ausgebildet, so als wäre sie aus dicken, grünlichen Seilen geflochten. Die beiden Hauptstämme verzweigen sich vielfach. Was auf den ersten Blick eigensinnig und vital wirkt, ist in Wirklichkeit eine Überlebensstrategie. Der Baum ist immer wieder von Schafen angeknabbert worden, musste neue Äste ausbilden, um sich zum lebensspendenden Sonnenlicht recken zu können. Noch so einer, aus dem wider Erwarten doch noch was geworden ist. Ich muss lachen – gelöst, befreit. Ein guter Ort, um den alten Beweiszwängen mit Humor zu begegnen.

Erzählpate: Gerd Rosenkranz, Marsberg

Autor beider Geschichten: Michael Gleich

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